Waldemars 2. Brief (Begeisterter Neuanfang, Teil 2)

Mein lieber Freund!

Ich hoffe, Du bist wohlauf. Mir geht es so langsam auch wieder besser, aber es hätte nicht viel gefehlt und der Brief von vor ein paar Tagen wäre mein letzter gewesen. Wenn meine tapferen Freunde nicht gewesen wären, würde ich mir jetzt sicherlich die Erde von unten ansehen. Aber der Reihe nach! Wo war ich stehen geblieben? Bei unserer Ankunft in Irdenhag, meine ich mich zu erinnern.

Also: Am nächsten Morgen sind wir nach dem Frühstück wie geplant los gezogen, die Umgebung zu erkunden. Ich schätze wir hatten Glück, dass auch das Bier des Wirtes Teil der kuriosen Geschichten war – es hatte nämlich einen Fliedergeschmack und muss so scheußlich geschmeckt haben, dass selbst Granux nichts davon trinken wollte. Und so waren wir früh auf den Beinen. Obwohl, ich glaube die Menge, die Granux in sich rein schütten muss, um einen schweren Kopf zu haben, muss erst einmal gebraut werden. Ich frage mich gerade, woher wir die Karte hatten, die uns die nähere Umgebung zeigte. Ich weiß es nicht mehr, aber es wird wohl jemand aus dem Dorf gewesen sein, der sie uns gab. Vielleicht Travian. Oder wir haben sie irgendwo gefunden? Mein Kopf muss doch schwerer verletzt gewesen sein als ich dachte.

Aber ich wollte ja nicht vorgreifen. Verzeih!

Wir gingen jedenfalls nach Osten und folgten einem Pfad, der sich nach oben schlängelte, bis wir am Fuße eines Berges standen, auf dessen Plateau sich die Umrisse einer Burgruine abzeichneten. Es versteht sich von selbst, dass wir diese Ruine unbedingt erkundigen wollten. Aber es schien kein Weg nach oben zu führen. Daher war Klettern angesagt. Ich halte mich ja für einen ganz guten Kletterer, aber als ich sah, wie gewandt Daria die Felswand hoch kletterte, blieb mir vor Bewunderung der Mund offen stehen. Unser Plan bestand darin, ein Seil zu Daria hoch zu werfen, damit vor allem Granux eine Kletterhilfe hatte. Aber mir war ehrlich gesagt auch wohler bei dem Gedanken, mich nicht allein auf meine Hände und Füße verlassen zu müssen. Aber wir wären besser schlau genug gewesen, Daria das Seil gleich mit hoch zu geben. Frag nicht, wie viele Anläufe Granux und ich gebraucht haben, bis Daria das Seil endlich in den Händen hatte. Um es abzukürzen: Irgendwann standen wir schließlich alle oben auf dem Plateau und begannen uns umzusehen. Im Burghof wurde unser Blick von einer Feuerstelle und einer als Dach für einen Unterschlupf aufgehängten Lederplane angezogen. Es roch nach Kräutern. Und tatsächlich fand ich unter der Plane zum Trocknen aufgehängte frische Kräuter. Es konnte also noch nicht so lange her sein, dass jemand hier gewesen war. Schnell schaute ich mir die Kräuter genauer an und entdeckte zu meiner Freude tatsächlich fünf Blätter Wirselkraut. Auch wenn mir klar war, dass dies unsere Anwesenheit verraten würde, stopfte ich die Blätter dennoch in meinen Rucksack. Man kann ja nie wissen!

Ach, und jetzt fällt es mir auch wieder ein. Die Karte haben wir auch dort unter der Plane erst gefunden. Auf dieser war unter anderem ein See ein Stück westlich von Irdenhag eingetragen und im Hinblick auf unsere Entdeckung mit dem Brunnen beschlossen wir, dass dieser unser nächstes Ziel sein sollte.

Nach einer Nacht im Freien, in der uns nur ein hungriges Stinktier zwei- bis dreimal störte (zum Glückt hat unser Zwerg immer genug Proviant dabei), wanderten wir also in die eingezeichnete Richtung. Der See war nicht einfach zu finden, aber du kennst ja meinen guten Orientierungssinn, so dass es uns noch vor Anbruch der Dunkelheit gelang, das Ufer des Sees zu erreichen. Die alte Fischerhütte, die dort stand, sah allerdings aus, als ob sie jeden Moment in sich zusammenbrechen würde, so dass uns eine weitere Nacht im Freien bevorstand. Wir wagten nur einen kurzen Blick hinein in die Hütte, konnten aber nichts Spektakuläres entdecken. An Schlaf war in dieser Nacht dann aber nicht wirklich zu denken. Ein kleines Steinmännchen saß unweit unseres Schlafplatzes auf einem Felsen am Ufer und ließ in regelmäßigen Abständen Steine ins Wasser fallen. Platsch – platsch – platsch, es war zum wahnsinnig werden! Immer wenn wir versuchten, uns ihm zu nähern, verschwand es, um ein Stück weiter weg wieder aufzutauchen.

Irgendwann war es aber schließlich hell und wir machten uns müde auf, das Ufer abzusuchen. Wir entdeckten, dass an der Stelle, an der in der Nacht unser Quälgeist gesessen hatte, ein gut versteckter Eingang zu einer Schlucht lag. Neugierig beschlossen wir, die Schlucht zu erkunden und erreichten nach nicht allzu langer Zeit das Ende der Schlucht, wo sich im Felsen eine recht große Spalte auftat, aus dem das Wasser des Baches floss, dessen Verlauf wir gefolgt waren. Einige Mindergeister hüpften im Bach herum oder lagen auf Steinen.

Halte mal einen Zwerg davon ab, eine Höhle zu erkunden! Unmöglich! Wobei ich sagen muss, dass sich auch in mir mein Forscherdrang regte und Daria schien auch nichts dagegen zu haben. Zum Glück hatten wir wenigstens unsere Fackeln und einen Feuerstein dabei, so dass wir nicht durch die Dunkelheit stolpern mussten. Ich will dich jetzt nicht damit langweilen, welchen Schabernack die vielen Mindergeister in der Höhle mit uns trieben. Aber ich hatte das Gefühl, dass es immer mehr Geister wurden, je weiter wir in die Höhle hinein gingen. Plötzlich stellten sich meine Nackenhaare auf und ich hatte das untrügliche Gefühl, dass wir nicht allein waren. Und ein Blick auf meine beiden Gefährten zeigte mir, dass ich das nicht allein gespürt hatte. Angespannt schärfte ich all meine Sinne und konnte – kurz bevor es zu spät gewesen wäre – vor uns ein riesiges Spinnennetz sehen, welches über den Weg gespannt war. Nicht auszudenken, wenn sich einer von uns darin verfangen hätte! Es blieb nicht viel Zeit zu überlegen, was wir tun sollten, denn Dutzende von Höhlenspinnen kamen in eindeutig feindlicher Absicht auf uns zu gekrochen. Mein Freund, ich weiß bis heute nicht, wie es uns gelang, diesen Kampf zu gewinnen. Du weißt ja, was für ein schlechter Kämpfer ich bin. Aber irgendwie haben wir es geschafft, zerschnitten das Netz und setzten unseren Weg fort, bis wir in der Ferne ein bläuliches Licht sehen konnten. Es schien aus einer Höhle zu kommen. Und tatsächlich, so war es. Und was für eine Höhle! Sie war bestimmt 50 Schritt groß und in der Mitte lag ein kleiner See. In der Mitte des Sees befand sich eine Insel mit einer ca. vier Schritt großen Stele, um die Steinhaufen herum geschichtet waren.

Meine Neugier wird mich noch irgendwann ins Grab bringen! Du hast es schon geahnt, oder? Natürlich wollte ich mir die Stele aus der Nähe ansehen und war daher sofort bereit, als erster zu der kleinen Insel zu schwimmen. Bis auf ein paar Grottenolme blieb auch alles ruhig. Daria kam hinterher und zu zweit schafften wir es, Granux zu uns herüber zu ziehen. Und welch Überraschung: Der Steinhaufen entpuppte sich als Statue eines Trolls. Die Statue sah irgendwie dem honigliebenden Brückentroll ähnlich, von dem ich Dir im letzten Brief erzählte. Erinnerst Du Dich?

Seltsamerweise wurde die Statue so errichtet, dass die Hände des Trolls die Stele umklammerten. Wir schauten uns weiter um und dann hielt Daria plötzlich eine riesige Keule in ihren Händen. Diese schien zu zischen. Mir wurde etwas mulmig als ich sah, dass die Mindergeister, die sich natürlich auch auf der Insel tummelten, zurückwichen. Und dann blieb mir fast das Herz stehen, als aus dem Nebel vor uns plötzlich ein riesiger Troll auftauchte. Bzw. der Geist eines Trolls. Und unverständliches Zeug murmelte. Aber er schien kapiert zu haben, dass wir ihn nicht verstehen, denn plötzlich hat er uns auf Garethisch angesprochen und gefragt, ob wir Wimmerlinge (ja, so nannte er uns) gekommen wären ihm zu helfen. Und dann erzählte er uns seine Geschichte. Wenn es Dich interessiert, werde ich Dir diese bei unserem Wiedersehen in aller Ausführlichkeit berichten, für heute nur so viel:  Er bat uns, die Keule einem Troll zu bringen, damit dieser sein Erbe als Hüter der Keule antreten kann und wir versprachen ihm, sie unseren honigliebenden Freund zu bringen. Ragusch war übrigens der Name des Trollgeistes.

Rasch machten wir uns auf den Rückweg. Dieser gestaltete sich ohne Schwierigkeiten und bald schon waren wir wieder in der Schlucht angekommen. Die Sonnenstrahlen genießend gingen wir in Richtung See, als plötzlich vom Rande der Schlucht ein Stein auf uns zugeflogen war. Ein Goblin stand am Waldrand und funkelte uns böse an. Neben ihm kam eine Hexe hinter einem Baum hervor, die Besitzerin der Kräutersammlung nahm ich an. Mir rutschte das Herz in die Hose und meine Hand krampfte sich um meinen Kampfstab. Granux sah allein schon beim Anblick des Goblins rot. Aber es war auch für uns anderen beiden klar, dass wir der Hexe nie im Leben wie gefordert die Keule überlassen würden. Auch nicht als wir sahen, dass sich zu den beiden noch zwei weitere Goblins gesellten. Ja, wie Du weißt, sind meine Kampffähigkeiten nicht sehr gut entwickelt und so habe ich mich im nun folgenden Kampf schnell in die Defensive drängen lassen und war nicht mehr in der Lage, selbst anzugreifen und musste den einen oder anderen Treffer einstecken. Ich dachte wirklich, mein letztes Stündlein hat geschlagen!

Daria erging es nicht viel besser, aber für ein Weib hat sie erstaunlich viel Mut und Kampfkraft, muss ich Dir sagen. Und Granux ist ein Kämpfer vor dem Herrn. Wir haben es definitiv ihm zu verdanken, dass wir die Bande in die Flucht schlagen konnten. Mit letzter Kraft schleppten wir uns an den See. Und Dank sei dem Wirselkraut, welches ich noch im Rucksack hatte! Am nächsten Morgen waren wir alle wieder fit genug, uns auf den Weg zu machen. In Irdenhag hielten wir uns nicht lange auf, jeder von uns wollte nur noch die letzte Aufgabe erfüllen und dann nichts wie zurück nach Sicherlingen. Unser Brückentroll schien im Gegensatz zu uns zu wissen, was es mit der Keule auf sich hat, denn er nahm diese mit feierlichem Ernst entgegen. Und erklärte uns, dass er damit ein altes Erbe antrete, das Land zu beschützen. Und machte sich auf in den Norden, aber nicht, um uns vorher einen Sack mit Dingen zu geben, von Leuten, die keine Süßigkeiten hatten, um ihn den Brückenzoll zu bezahlen. Wertloses Zeug sagte er. Wir schauten hinein und was soll ich Dir sagen: Der Sack war voller Münzen und Diamanten, zusammen bestimmt zehn Dukaten wert.  Eine willkommene Aufstockung unserer Reisekasse. Zusammen mit den zehn Dukaten, die uns der Freiherr, nachdem ihm unsere erfolgreiche Mission durch ein paar Dorfbewohner von Irdenhag bestätigt wurden, als Belohnung aushändigte, ein ganz schönes Sümmchen.

Und da uns die Wirtin von Sicherlingen von einem lohnenden Stadtfest hier in der Nähe berichtete, haben wir beschlossen, dort noch zusammen hin zu reisen, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Ich muss sagen, ich bin froh darüber, habe ich meine beiden Weggefährten die letzten Tage doch sehr ins Herz geschlossen. Und irgendwas sagt mir, dass wir uns nicht zufällig begegnet sind. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich dies hier noch als den Neuanfang, den ich mir so sehnlichst gewünscht habe.

Ich melde mich wieder, wenn wir das nächste Ziel unserer gemeinsamen Reise erreicht haben. Bleib gesund und arbeite nicht so hart.

Es grüßt Dich

Dein Freund

Waldemar

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