Töne, Zwischentöne, Misstöne

Seth und Carter lernen sich auf dem Collage kennen. Zwei junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein können: der extrovertierte Carter, der aus reichem Elternhaus stammt und für den Geld nie ein Problem zu sein scheint und der introvertierte Seth aus ärmeren Verhältnissen. Es eint sie die Liebe zur Musik.

Nach dem Collage ziehen beide gemeinsam nach New York und eröffnen ein Tonstudio. Vor allem Carter interessiert sich immer mehr für den Blues, entwickelt eine Sammlerleidenschaft und ist auf der Suche nach dem perfekten Sound. Währendessen schlendert Seth durch die Straßen von New York und nimmt dabei die Geräusche seiner Umgebung auf. Eines Tages entdecket er beim Filtern der einzelnen Geräusche einen alten Bluessong. Er kann sich aber nicht erinnern, an einem Sänger vorbeigekommen zu sein. Bei einem weiteren Streifzug durch die Straßen taucht dazu noch eine Gitarrenmelodie auf, die wie für den Text gemacht ist. Weder Seth noch Carter lässt dieser Song wieder los. Eines Nachts mixt Carter Musik und Text zusammen, gibt dem ganzen einen alten Anschein durch das Hinzufügen von Kratzern und lädt das Kunstwerk im Internet hoch. Als fiktiven Künstlers des Songs verwendet er den Namen Charlie Shaw. Und damit geht die Geschichte erst richtig los: Ein Anrufer behauptet, dass Charlie Shaw wirklich gelebt hat. Und plötzlich ist nichts mehr wie es war…

Ich bin auf dieses Buch durch eine Rezension auf www.kaffeehaussitzer.de aufmerksam geworden. Besonders fasziniert hat mich beim Lesen dieser Rezension die Idee, dass Schallwellen nie aufhören zu schwingen und Seth bei seinen Streifzügen Töne vergangener Zeiten eingefangen haben könnte. Für die erste Hälfte des Buches ein ebenso schöner wie faszinierender Gedanke. Doch wo schöne Töne durchdringen können, können auch Misstöne durch kommen, wie im zweiten Teil des Buches deutschlich wird.

Mit dem Hochladen des Samplings ist nichts mehr wie es war. Carter wird auf offener Straße zusammengeschlagen. Seth wird auf der Suche nach Erklärungen immer tiefer in die Vergangenheit hineingezogen: Die Grenzen zwischen gestern und heute und zwischen Traum und Realität verwischen. Weiß oder schwarz, frei oder unfrei, Herr oder Diener – Hari Kunzru verwebt in seinem Buch die Musik der Schwarzen mit den Rassenproblemen in den USA und schlägt schließlich einen Bogen zurück zu Carters Familie und der „schwarzen“ Herkunft ihres Reichtums.

Ist die erste Hälfte des Buchees von einer schönen Sprach mit intensiven Bildern und Tönen geprägt, wired es im zweiten Teil dunkel, beängstigend und wirr. Ein beklemmendes Gefühl, welches ich bis zum Schluss nicht los geworden bin, hat sich nach und nach über meine Lektüre gelegt. Dazu kam das Gefühl, längst nicht alles verstanden zu haben, was der Autor mit diesem Buch zum Ausdruck bringen wollte.

Ein interessantes Leseerlebnis und ein bemerkenswerter Auftakt ins Lesejahr 2018.

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